Mythos Ramadan: “Nicht mal Wasser!?”

„So lange nichts essen, nicht einmal Wasser trinken – das ist doch ungesund!“

Solche Reaktionen begegnen muslimischen Kindern und ihren Familien jedes Jahr im Ramadan. Hinter dieser Sorge steckt oft mehr als Fürsorge: unausgesprochene Annahmen über muslimische Eltern, religiöse Praxis und Kindeswohl.

Manche pädagogischen Fachkräfte fühlen sich berechtigt, einzugreifen oder religiöse Praktiken grundsätzlich infrage zu stellen. Doch diese Haltung kann schnell übergriffig werden – und sendet deutliche Botschaften an alle Kinder: Muslimisches Leben ist problematisch, erklärungsbedürftig oder falsch. Kinder greifen diese Bewertungen auf.

Kulturelle Achtsamkeit bedeutet daher: nicht vorschnell urteilen, sondern verstehen wollen.

Was bedeutet Ramadan für das Kind?

Wie wird diese Zeit in der Familie gestaltet?

Welche Unterstützung braucht es im Alltag?

Nkechi Madubuko schlägt in ihrem Buch “Erziehung zur Vielfalt” eine kindgerechte Erklärung auf die Frage “Was ist Ramadan?” vor:

“Said ist Muslim. Da gibt es statt Weihnachten Ramadan. Ramadan ist jedes Jahr etwa 4 wochen lang. In der Zeit versucht man, nah bei Gott zu sein, der im Islam Allah heißt, und von Sonneaufgang bis Sonnenuntergangisst man nicht. Auf der familiären und gesellschaftlichen Ebene erlebt man den Ramadan als sehr sozialen Monat.” (S. 151)

Wir empfehlen, Kindern durch Bücher, Gespräche und persönlichen Austausch realitätsnah Wissen über Religionen und ihre Praktiken zu ermöglichen. Wenn wir Hintergründe erklären, Zusammenhänge einordnen und religiöse Vielfalt selbstverständlich sichtbar machen, fördern wir Verständnis statt Vorurteile.

Unsere Büchertipps:

Viele Kinder erleben Ramadan als freudige, gemeinschaftliche Zeit. Sie möchten dazugehören, ihren älteren Geschwistern nacheifern und Teil dieser besonderen Atmosphäre sein.

Ali Dönmez, Anti-Rassismustrainer und Logopäde, formuliert im Zeit Online Artikel “Nicht mal Wasser” bereits 2021: 

“Doch nicht Hunger und Durst kosten ihn Kraft, es sind die überheblichen Bemerkungen, die Muslime im Fastenmonat aushalten müssen.” 

“Tatsächlich gäbe es einiges zu tun für all jene, denen muslimische Kinder am Herzen liegen. Antimuslimischer Rassismus ist eine reale Gefahr für ihr Leben, Fasten nicht.”

Häufige Vorurteile und Fakten

Vorurteil: Kinder müssen fasten.
Fakt:
Kinder vor der Pubertät (häufig unter etwa 14 Jahren) sind religiös nicht zum Fasten verpflichtet. Medizinisch wird empfohlen, dass Kinder im Wachstum nicht den ganzen Tag fasten.

Vorurteil: Fastende Kinder sind im Unterricht völlig leistungsunfähig.
Fakt:
Es kann zu Müdigkeit kommen. Viele Kinder praktizieren jedoch ein sogenanntes „Spatzenfasten“ und fasten nur stundenweise oder an einzelnen Tagen.

Vorurteil: Eltern zwingen Kinder zum Fasten.
Fakt:
Häufig ist es der eigene Wunsch der Kinder, Teil der Gemeinschaft zu sein und mitzuerleben, was für die Familie bedeutsam ist.

Vorurteil: Das Fasten ist grundsätzlich gesundheitsschädlich.
Fakt:
Bei gesunden Jugendlichen ist kurzzeitiges Fasten meist unproblematisch. Entscheidend sind eine ausgewogene, nährstoffreiche Ernährung vor Sonnenaufgang und nach Sonnenuntergang sowie ein sensibler Blick auf das individuelle Kind.

Pädagogische Verantwortung: Haltung statt Bewertung

Die entscheidende Frage lautet:
Unterstelle ich allen Eltern, ich sorge mich mehr um die Gesundheit ihrer Kinder als sie selbst – oder mache ich das nur bei muslimischen Eltern?

Statt religiöse Praxis zu beurteilen oder infrage zu stellen, können wir:

  • realitätsnah über Religionen und ihre Praktiken informieren (z. B. durch Bücher und Gespräche)

  • Ramadan – wie Weihnachten – selbstverständlich in die Jahresplanung aufnehmen

  • Kinder nicht zum Essen drängen, sondern ihre religiöse Identität respektieren

  • sensibel beobachten und im Gespräch mit Familien individuelle Lösungen finden

Kulturelle Achtsamkeit bedeutet nicht, alles unkritisch hinzunehmen. Sie bedeutet, mit Respekt, Wissen und Reflexionsbereitschaft zu handeln.

Denn Kinder lernen nicht nur durch Erklärungen – sondern durch unsere Haltung und unser Verhalten.

Mit unserer Online Fokus-Fortbildung “Religionen im Kita-Alltag” erfahren Sie, wie Sie alle Weltreligionen kultursensibel, vorurteilsbewusst und beziehungsorientiert in Ihren Kita-Alltag integrieren können. Zum Kurs.

Quellen:

Zeit Online Artikel von Ali Dönmez: “Nicht mal Wasser?”

Buch: “Erziehung zur Vielfalt. Wie Kinder einen wertschätzenden Umgang mit Unterschieden lernen” Nkechi Madubuko, 2021, Kösel-Verlag

Weiter
Weiter

Kulturen sind keine Kostüme.