Mythos: “Eltern kommen nicht zum Elternabend – also haben sie kein Interesse.“
„Die Eltern kommen nie.“
„Die interessieren sich einfach nicht.“
„Andere Familien schaffen es doch auch.“
Wenn Eltern nicht zu Elternabenden erscheinen oder sich wenig sichtbar beteiligen, werden schnell Rückschlüsse gezogen: fehlendes Interesse, mangelnde Wertschätzung oder fehlendes Engagement für das eigene Kind.
Doch so einfach ist es nicht.
Teilnahme ist nicht gleich Interesse
Natürlich gibt es Familien, die stärker oder weniger stark involviert sind – unabhängig von Kultur, Herkunft oder Religion. Aber fehlende Teilnahme bedeutet nicht automatisch fehlendes Interesse.
Viele Eltern wünschen sich gute Bildungschancen für ihre Kinder und sorgen sich intensiv um deren Entwicklung. Gleichzeitig fühlen sich nicht alle Familien automatisch angesprochen oder willkommen.
Traditionelle Elternabende können einschüchternd wirken:
viele unbekannte Menschen
sprachliche Unsicherheiten
formelle Atmosphäre
Angst, etwas falsch zu machen
negative eigene Erfahrungen mit Schule oder Behörden
Hinzu kommen praktische Hürden wie:
Arbeitszeiten
fehlende Kinderbetreuung
Sprachbarrieren
fehlende Informationen
Unsicherheit über Erwartungen
Unterschiedliche Vorstellungen von Bildung und Elternrolle
Auch kulturelle Prägungen spielen eine Rolle.
In manchen Familien wird Bildung stärker als Aufgabe der Fachkräfte gesehen. Eltern vertrauen darauf, dass Kita oder Schule „zuständig“ sind. In eher hierarchisch geprägten Kulturen fühlen sich Eltern zudem oft weniger berechtigt, Lehrkräfte aktiv anzusprechen oder Kritik zu äußern.
Hinzu kommt: Kommunikation wird nicht überall gleich verstanden. Während in westlichen Kulturen häufig die Sachebene im Vordergrund steht, ist in anderen Kulturen zunächst die Beziehungsebene entscheidend.
Das bedeutet: Bevor Familien sich öffnen und beteiligen, brauchen sie oft erst das Gefühl von Vertrauen und Zugehörigkeit.
Warum gute Elternarbeit so wichtig ist
Die Zusammenarbeit mit Familien ist nicht „nice to have“, sondern entscheidend für Bildungsgerechtigkeit.
Studien zeigen, dass die Kompetenzen von Schulanfänger*innen in Deutschland besonders stark von sozialer Herkunft abhängen – also vom Einkommen und Bildungsniveau der Eltern. Laut einer Studie des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW Berlin) starten Kinder aus Familien mit geringem Einkommen und niedrigerem Bildungsniveau mit deutlich größeren Bildungsnachteilen in die Schule als Kinder aus privilegierteren Familien.
Gleichzeitig wissen wir: Eltern können enorm viel bewirken – besonders durch scheinbar kleine Dinge im Alltag.
Ein zentraler Faktor ist das Vorlesen. Der Vorlesemonitor der Stiftung Lesen zeigt:
Kinder, denen regelmäßig vorgelesen wird, haben früh einen größeren Wortschatz, lernen leichter lesen, entwickeln mehr Empathie und profitieren langfristig schulisch.
Internationale Forschung zeigt sogar: Lesen aus Freude beeinflusst die kognitive Entwicklung von Kindern zwischen 10 und 16 Jahren stärker als der Bildungsabschluss der Eltern.
Kita und Schule können hier ansetzen:
Familien über die Bedeutung des Vorlesens informieren
konkrete Alltagstipps geben
Bücher sichtbar und zugänglich machen
Eltern stärken statt beschämen
Denn viele Eltern möchten ihre Kinder unterstützen – wissen aber nicht immer, wie.
Beziehung vor Beteiligung
Elternarbeit beginnt deshalb nicht erst am Elternabend.
Sie beginnt mit ehrlichem Interesse:
Was wünschen sich Eltern für ihr Kind?
Was beschäftigt oder belastet die Familie?
Wie sieht der Alltag zuhause aus?
Welche Stärken und Interessen bringt die Familie mit?
Wobei wünschen sich Eltern Unterstützung?
Wenn Familien spüren, dass ihre Perspektive wichtig ist, steigt auch die Bereitschaft zur Beteiligung.
Was Familien wirklich hilft
Hilfreich ist es, Eltern aktiv und persönlich einzuladen – und immer wieder deutlich zu machen:
Ihre Beteiligung ist erwünscht und wichtig.
Besonders gut funktionieren Themen, die direkt an den Interessen und Sorgen der Familien anknüpfen, zum Beispiel:
Sprachentwicklung
Freundschaften
Mediennutzung
Umgang mit Gefühlen und Konflikten
Grenzen setzen
Essen und Alltag
Spiele zur Sprachförderung
Auch Gemeinschaft unter Eltern kann helfen:
„alte“ Familien begleiten neue
Buddy-Systeme
informelle Treffen
niedrigschwellige Austauschmöglichkeiten
Und manchmal braucht Beteiligung einfach neue Formate:
Online-Elternabende
kurze Gespräche im Alltag
mehrsprachige Informationen
kleine Workshops statt Frontalvorträge
Eltern stärken statt bewerten
Bei TeachFair möchten wir Fachkräfte dabei unterstützen, Eltern nicht als „Problem“ zu sehen, sondern als wichtige Bildungspartner*innen.
Mit unseren Impuls-Vorträgen für Eltern geben wir praktische Tipps, wie Vorlesen und Sprachförderung alltagsnah gelingen können – ohne Druck und mit wenig Zeitaufwand.
Denn Kinder profitieren am meisten, wenn Familien das Gefühl haben:
Ich bin willkommen. Ich werde ernst genommen. Ich kann etwas beitragen.
Fazit: Das Prinzip des „guten Grundes“
Bei TeachFair arbeiten wir mit dem Prinzip des „guten Grundes“:
Hinter jedem Verhalten steckt ein nachvollziehbarer Grund.
Wenn Familien nicht erscheinen oder sich wenig beteiligen, bedeutet das nicht automatisch Desinteresse. Oft ist es vielmehr ein Zeichen dafür, dass sie noch nicht ausreichend einbezogen wurden oder dass bestehende Formate nicht zu ihren Lebensrealitäten passen.
Die entscheidende Frage lautet also nicht:
„Warum kommen die Eltern nicht?“
Sondern:
„Was können wir verändern, damit sie sich willkommen und beteiligt fühlen?“
Passende Fortbildungen: “Elternarbeit kultursensibel gestalten” für Pädagog*innen und “Elternimpuls Bücher & Vorlesen für Alle”